Wer dem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss oder Industrie-Pionier Robert Bosch die Ehre erweisen möchte, kann dazu einfach auf den Stuttgarter Waldfriedhof gehen. Denn dort befinden sich deren Gräber, neben weiteren Prominenten wie dem langjährigen Stuttgarter Oberbürgermeister Arnulf Klett oder dem Mode-Unternehmer Eduard Breuninger. Der kürzeste Weg dorthin führt über die Stuttgarter Standseilbahn, die die 85 Meter Höhenunterschied zwischen dem Südheimer Platz und dem Degerlocher Waldfriedhof scheinbar mühelos überwindet.

Historische Aufnahme der Stuttgarter Seilbahn von 1929 (Foto: SSB)

Diesen Oktober feierte sie bereits ihr 90. Jubiläum und ist für Rüdiger Walz „auch nach mehreren Jahrzehnten noch ein modernes Verkehrsmittel“. Der Technische Betriebsleiter bei der SSB (Stuttgarter Straßenbahnen AG) arbeitet seit 1993 an der Seilbahn und kennt sie nahezu in- und auswendig. Im Unterschied zu vergleichbaren Bahnen dient sie nicht vorwiegend touristische Zwecken, sondern gehört als ein fester Bestandteil zum öffentlichen Personennahverkehr in Stuttgart. Daher wird für eine Fahrt nur der günstige Kurzstrecken-Tarif von 1,40 Euro fällig. Ein weiterer Vorteil der Seilbahn ist für Walz die große Anpassungsfähigkeit an das Fahrgastaufkommen: „Wenn zur geplanten Abfahrtszeit niemand da ist, bleiben wir stehen und bei größeren Gruppen legen wir einfach eine Zwischenfahrt ein.“ So bleibt die Stuttgarter Standseilbahn für die SSB auch nach 90 Jahren das ökonomischste und flexibelste Verkehrsmittel an diesem Ort. Ein Busverkehr mit der gleichen Taktfrequenz wäre weniger leistungsfähig und deutlich teurer.

Rüdiger Walz ist auch für die Wartung der zwei großen Antriebsscheiben der Bahn verantwortlich.

Beim Anblick der Seilbahn fühlt man sich nach 1929 zurückversetzt. Denn die beiden Waggons befinden sich äußerlich fast im Originalzustand des Eröffnungsjahres. In Zeiten der Wirtschaftskrise wurden sie aus Kostengründen aus Holz gefertigt (innen Mahagoni und außen Teak) und erhielten so ihren besonderen Charme. Als die Stuttgarter Seilbahn ihren Betrieb aufnahm, war sie die erste in Deutschland mit einer automatischen Steuerung. Die Fahrer, offiziell Wagenbegleiter genannt, drückten zur Abfahrt nur eine Taste, den Rest erledigte die Elektronik.  2004 machten neue EU-Richtlinien einen aufwändigen Umbau der Seilbahn erforderlich. Viel moderne Technik kam hinzu, das Erscheinungsbild blieb aber erhalten. „Insgesamt ist sie nun deutlich sicherer und effizienter“, sagt Walz. Seitdem bringen zwei große Antriebsscheiben die Bahn in Fahrt – der ursprüngliche Antrieb von 1929 läuft zwar noch mit, aber überträgt aktiv keine Kraft.

Auch wenn heute statt der Trauergäste hauptsächlich Wandergruppen oder Schulklassen mit der historischen Bahn fahren, lebt der ursprüngliche Zweck in der Sprache weiter. Denn die Stuttgarter nennen ihre Seilbahn nach wie vor liebevoll bei ihren Spitznamen „Erbschleicher-Express“ oder „Witwen-Bahn“.